taz - die tageszeitung, v. 12.12.96, S. 14 - Leserbriefe

[...] Zu einem Zeitpunkt, da der Anti-Atom-Protest im Zusammenhang mit den Castor-Transporten ins Zwischenlager Gorlebenm an Stärke gewinnt und immer mehr Unterstützerlnnen findet, die Kriminalisierungsversuche gegen AtomkraftgegnerInnen weiter Gestalt annehmen, mit dem Ziel, den Atomwiderstand zu schwächen und in Verruf zu bringen, zu einer Zeit also, da Bonn zur dritten Konsensrunde geladen hat und der Atom- und Polizeistaat in voller Blüte steht, macht sich ausgerechnet Michael Sailer wiederholt zum Fürsprecher der Atomindustrie und zum Sprachrohr von Bundesatomministerin Angela Merkel.

[...] Die Halbwertzeit des Gedächtnisses Michael Sailers steht im umgekehrten Verhältnis zu der von Plutonium, denn sonst hätte er sich daran erinnert, daß der erbittert geführte aktive und juristische Widerstand gegen die Plutoniumfabrik in Wackersdorf, mit dem längsten Erörterungstermin der Geschichte der Atomkraftnutzung, ihn und das Oko- Institut erst bekannt gemacht hat. Mit Unterstützung der Anti-Atom-Bewegung im In- und Ausland und seiner Arbeit als Sachbeistand wurde die WAA im Taxöldener Forst 1989 gemeinsam zu Fall gebracht.

Damals war allen klar, daß - ohne den Sofortausstieg - deutscher Atommüll weiter nach Sellafield, La Hague und Dounreay rollen würde. Dennoch hielten wir den langjährigen Widerstand für richtig.

Das Aus der WAA ließ die ausländische Plutoniumwirtschaft boomen. Unter Beteiligung der deutschen Atomindustrie wurde die "usine plutonium" in La Hague um eine Linie erweitert. In Eng

Iand wurde mit dem Bau der neuen THORP-Anlage begonnen, und Japan baute seine Wiederaufarbeitung in Rokkasho-mura. Wenn Sailer nun - sechs Jahre nach dem Aus der WAA in Wackersdorf -seinen mahnenden Zeigefinger erhebt, offenbart er seine wirklichen Beweggründe.

[...] Auf den Vorwurf, die Blockaden der Bahnstrecke in Gorleben lenkten die Atommülltransporte nach La Hague und Sellafield und heizten den Plutoniumkreislauf an, kann ich nur antworten, der erfolgreiche Widerstand gegen die WAA hat das auch getan, und Sailer hat mitgeholfen. Das Leerfahren der MOX-Fabrik in Hanau tut das auch, und Sailer hat das gutgeheißen. Da fällt mir nur noch der Spruch ein: Wes Brot ich ess', des Lied ich sing!

Der plötzliche Ruf nach einer Entsorgungsdebatte innerhalb der Anti-Atom-Bewegung, der Vorschlag, Castor-Behälter noch sicherer zu machen und neue Zwischenlager an AKW-Standorten zu bauen, dient letztendlich dem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke und der Atomabteilung des Öko-Instituts. Den Ausstieg aus der Atompolitik erreichen wir damit nie. Wenn überhaupt, hätte Sailer die Entsorgungsdebatte 1994 einfordern müssen, als das geänderte Atomgesetz sowohl die Wiederaufarbeitung im Ausland als auch die direkte Endlagerung mit vorausgeschalteter 40jähriger Abklingzeit des hochradioaktiven Mülls in den Zwischenlagern als Entsorgungsvorsorgenachweis ermöglichte.

Wendehals Sailer hat offenbar eines vergessen. Die Anti-AtomBewegung fordert nicht nur den Ausstieg aus der Plutoniumwirtschaft, sondern den sofortigen Stopp der Atommüllproduktion. Und das gelingt nur, wenn wir die Atomanlagen sofort dicht machen. Atommülltransporte rollen eben nur dann nach La Hague, Sellafield und Dounreay, wenn die AtomMonster weiterlaufen. Deshalb stellen wir uns am "Tag NiX" x-tausendmal quer. Ob mit dem Aufruf: "Wackersdorf ist überall" oder "Gorleben soll leben", immer ging und geht es um den Sofortausstieg. Dieses Wort nimmt Sailer bezeichnenderweise nicht mehr in den Mund. Statt dessen müßten Endlagerstandorte her, meint er, geologische Untersuchungen sollten jetzt in den Mittelpunkt rükken. Mit dieser Strategie hat sich Sailer selbst ins Abseits gestellt, und es ist höchste Zeit für die Mitarbeiterinnen in Darmstadt und Freiburg, Farbe zu bekennen und sich vor dem "Irrläufer" Sailer in Sicherheit zu bringen. Denn die Parole der bundesweiten AntiAtom-Bewegung stimmt heute mehr denn je: Erst wenn der Atomausstieg beschlossene Sache ist, wird es in Deutschland eine Lö sung der Entsorgungsfrage geben.

Irene Maria Sturm, MdL, Vorsitzende des Dachverbands der Oberpfälzer Bls gegen die Errichtung von Atomanlagen e.V