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vom 13.11.2001

Das Wendland stellt sich quer

Sitzblockade, Gleisbesetzung, Trecker-Protest: Obwohl in Kriegszeiten der Castor-Transport eher ein Randthema ist, stellen sich die Wendländer traditionell stur. Die Polizei setzt auf Zermürbung

DANNENBERG taz Keine Chance gegen die Staatsmacht: Die wendländischen Atomgegner und Bauern haben die Blockaden auf den von Dannenberg zum Zwischenlager Gorleben führenden Straßen bislang nicht halten können. Am Sonntagabend räumte die Polizei sowohl die Sperre von 50 Traktoren und 200 Demonstranten in Quickborn auf der nördlichen Castor-Route als auch die von der Aktion "Widersetzen" organisierte Sitzblockade bei Splietau auf der zweiten Strecke.

Allein an dieser Sitzblockade beteiligten sich nach Angaben von Jochen Stay von "X-tausendmal quer" rund tausend Menschen, die langsam und ruhig durch die Polizeisperren sickerten. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg schätzte die Gesamtzahl der Atomgegner, die am Sonntag im Wendland protestierten, auf etwa 3.000. BI-Sprecher Wolfgang Ehmke sagte, es sei vor allem schwierig gewesen, überregional zu mobilisieren. Wegen des Krieges in Afghanistan sei Atom gegenwärtig nur ein Randthema. Angesichts dieser Bedingungen müsse man von einem "gelungenen Auftakt" der Proteste sprechen.

Wegen des kurzfristig verhängten Demonstrationsverbotes habe man am Sonntag allerdings kein "Gesamtbild des Widerstandes" liefern können, bedauerte Ehmke mit Blick auf die Kundgebung in Splietau. Über die hatte die Bezirksregierung in Lüneburg mit der BI nahezu zwei Wochen verhandelt, um sie dann doch zu untersagen. Zu viele seien zu Hause geblieben, so Ehmke, obwohl die BI immer betone, dass man sich das Demonstrieren nicht verbieten lasse. Die Gegenseite setze auf Zermürbung. Nach Angaben der "Wendländischen bäuerlichen Notgemeinschaft" beteiligten sich am Sonntag rund 300 Bauern mit ihren Traktoren am Castor-Protest. Auch die Polizei zählte immerhin 220 Protest-Trecker. Die mit 180 Traktoren größte Blockade, die bei Dannenberg etwas abseits der Castor-Route auf der Bundesstraße 191 stattfand, wurde erst am späten Sonntagabend aufgelöst.

In Dannenberg fanden am Montag noch mehrere kleiner Demonstrationen mit jeweils einigen hundert Teilnehmern statt. Die Aktion "Widersetzen" konzentrierte sich am Montag auf die Bahnstrecke und ging mit etwa 300 Leute bei Dannenberg auf die Gleise. An der Castor-Umladestation beging die Polizei unterdessen einen kuriosen Rechtsbruch und offenbarte im Streit mit einem Landwirt eine Art Besetzermentalität. Auf einem Acker des Bauern postierte Gesamteinsatzleiter Hans Reime gegen den Willen des Besitzers schweres Räumgerät und auch Polizeipferde. Der Besitzer erwirkte dagegen beim Amtsgericht Dannenberg ein Rechtstitel und erschien am Montagmittag mit dem Gerichtsvollzieher beim Einsatzleiter vor Ort, der sich allerdings weiter weigerte, den Acker zu räumen. JÜRGEN VOGES

 

Bearbeitet am: 13.11.2001/ad


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