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vom 23.02.2004

Meinung und Diskussion

Terrorattacken auf Atomanlagen

Betr.: "Ein Test am Original wäre sinnvoll", Interview mit Wolfram König, taz vom 11. 02. 04

taz:

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) wähnt sich auf der sicheren Seite - pingelige Prüfungen und Studien, zum Beispiel der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) zu möglichen Folgen einer Terrorattacke aus der Luft gegen Atomanlagen, ergäben keinen Hinweis auf ein besonderes Sicherheitsrisiko in einem Castorlager.

WOLFGANG EHMKE:

Bei einer Veranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft Energie (BAG) der Grünen bestritt der Chef der Reaktorsicherheitskommission (RSK), Michael Sailer, unlängst nicht die Formulierung, dass bei einem ungünstigen Auftreffen schnell fliegender harter Trümmerteile "die Integrität einzelner Behälter beeinträchtigt" sein könne. Diese Formulierung findet sich im Bericht des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) "Gezielter Flugzeugabsturz auf Zwischenlager für Kernbrennstoffe" vom 19. 6. 2003. Unterschieden wird in dem Bericht zwischen den Zwischenlagerhallen im Norden und Süden der Republik. In Norddeutschland bieten die Hallen mit Wandstärken von 1,2 Metern zusätzlichen Schutz, während im Süden eine Billigvariante mit Wandstärken von 0,7 bis 0,85 Metern gewählt wurde. Auch die Gorlebener Halle entspricht diesem Billig-Konzept.

taz:

Kennt König die Stellungnahme seiner eigenen Behörde nicht?

WOLFGANG EHMKE:

Die Fragen auf der zitierten Veranstaltung in Berlin richteten sich gezielt an Sailer als Vorsitzendem der RSK, denn parallel zur GRS-Studie hatte die Reaktorsicherheitskommission im Juli 2002 eine Stellungnahme zur Sicherheit deutscher Zwischenlager für bestrahlte Brennelemente in Lagerbehältern bei gezieltem Absturz von Großflugzeugen abgegeben. Zur möglichen Brandlast in einem Zwischenlager heißt es dort gleich zweimal: Zitat Seite 8: "Ergibt sich aus der Analyse, dass ein Austritt von Moderatormaterial zu unterstellen ist, ist dieses in der Analyse zu berücksichtigen." Zwei Absätze danach: "Für eine spätere Bergung der Behälter ist zu berücksichtigen, dass sich die Neutronenabschirmung durch Schmelzen und Auslaufen des Moderatormaterials verschlechtert."

Diese Stellungnahme lässt - am Beispiel Gorleben - unglaubliche Defizite erkennen. Der Brandverlauf ist nicht analysiert, die Brandlast falsch berechnet worden. Als Brandlast geht die RSK-Stellungnahme allein vom Tankinhalt eines Großflugzeuges aus.

taz:

Den Autoren müsste jedoch bekannt sein, dass der Heizwert der Moderatorstangen in der Wand der Castoren, die eine Schmelztemperatur im Bereich 200 Grad Celsius haben, und der des Kerosins in der gleichen Größenordnung liegen.

WOLFGANG EHMKE:

Das bedeutet, ein Austreten des Materials vorausgesetzt, eine Erhöhung der Brandlast um mehr als die Hälfte. Die Einschätzung, die Folgen einer solchen Attacke seien beherrschbar, darf deshalb nicht unwidersprochen bleiben.

WOLFGANG EHMKE, BI Lüchow-Dannenberg

Die erscheinenden Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.

Bearbeitet am: /ad


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