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Wirtschaft und Umwelt
vom 10.01.2005

Acht Sekunden Zeit

Atomkraftgegner im Wendland debattieren die Lehren aus dem Todesfall beim Castor-Transport in Lothringen

HANNOVER taz Der Tod des jungen AKW-Gegners Sébastien Briat bestimmt auch zwei Monate nach dem letzten Castor-Transport nach Gorleben weiter die Diskussionen in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Dem Unglück in Lothringen, bei dem der 22-jährige Franzose vom Fahrtwind unter den Atommüllzug gezogen wurde, widmete sich bald eine ganze Ausgabe der BI-Zeitschrift Gorleben Rundschau. Und auf ihren Treffen debattierte die BI immer wieder über die gescheiterte Ankettaktion, durch die erstmals ein Castor-Protestierer das Leben verlor.

Eine "tragische Verkettung unglücklicher Umstände" sowie auch "den zu schnell fahrenden Atommüllzug" macht BI-Sprecher Francis Althoff mittlerweile für das Unglück verantwortlich. Er hält nichts von den "Schuldzuweisungen in die eine oder andere Richtung", die da nach dem Unfall am 7. November schnell laut wurden. Da wurde etwa in der Gorleben Rundschau unter dem Titel "War es Mord?" über die Verantwortung der "Sicherheitsorgane" spekuliert. Althoff weist aber auch vorschnelle Kritik an den Blockierern zurück, die "keine Amateure oder Kinder gewesen" seien, sondern ihre Aktion sorgfältig vorbereitet hätten. Eine Erklärung, die die Mitstreiter des 22-Jährigen in der BI-Zeitschrift veröffentlicht haben, berichtet ebenfalls über eine sorgfältig, aber eben doch nicht ausreichend vorbereitete Aktion. An drei Punkten der Atommüllstrecke hatten sich die Castor-Gegner postiert: 15 Kilometer vor dem Ort der Aktion standen Vorposten an den Gleisen. Eineinhalb Kilometer vor dem Blockadepunkt sollte eigentlich eine zweite Stoppergruppe den Zug zum Bremsen bringen. Sie rechnete damit, dass der Begleithubschrauber "die Ankunft des Zuges signalisieren würde". Doch der war gerade beim Tanken. Die offenbar überraschte Stoppergruppe habe auch wegen der den Zug begleitenden Gendarmeriefahrzeuge nicht handeln können, heißt es in der Erklärung. Und die Handys und Funkgeräte zur Warnung der Aktivisten funktionierten nicht. Die vier AKW-Gegner am Blockadepunkt hatten einen Arm jeweils in ein Rohr im Gleisbett gesteckt, aber noch nicht angekettet. Ihnen blieben acht Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Sébastien Briat reagierte nicht schnell genug. Er stand einen Meter neben dem Gleis, als ihn der Fahrtwind unter den Zug zog.

Die BI Lüchow-Dannenberg kritisiert die hohe Geschwindigkeit des Zuges (98 km/h). Ein Atommüllzug dürfe nur mit Geschwindigkeiten fahren, die der gefährlichen Fracht entsprächen. Althoff erinnert an "den Grundsatz der Anti-Atom-Bewegung, keine Menschen in Gefahr zu bringen". Die BI habe selbst nie zu Gleisblockaden aufgerufen, werde sie aber nicht verdammen. Sie könne nur appellieren, "bei allen Aktionen noch mehr Wert auf die Sicherheit zu legen". Die Diskussion soll weitergehen. "

JÜRGEN VOGES

http://www.taz.de/pt/2005/01/10/a0135.nf/text.ges,1

Bearbeitet am: 10.01.2005/ad


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