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vom 06.02.2006

Schwarze Punkte im Gesicht

Knastaufenthalt aus politischer Überzeugung: Zwei Hamburgerinnen gehen diese Woche ins Gefängnis, weil sie vor gut zwei Jahren die Schienen beim Castor-Transport ins Wendland blockierten

Von Marco Carini

Bezahlen wollen sie auf keinen Fall - dann schon lieber in den Knast. Weil die beiden Hamburgerinnen Dominique M. und Petra D. im November 2003 an einer gewaltfreien Schienenblockade gegen den Atomtransport ins Wendland teilgenommen haben, wird dieses Szenario in den nächsten Tagen Wirklichkeit werden. "Wir haben heute die Ladung zur Erzwingungshaft bekommen", verriet Petra D. gestern. Und ihre Mitstreiterin Dominique M. ergänzte: "Am morgigen Mittwoch werden wir unsere Haft in Hamburg antreten."

Gemeinsam mit rund 150 anderen AtomkraftgegnerInnen hatten die beiden Frauen bei den alljährlichen Gorlebener "Castor-Festspielen" im wendländischen Rohstorf die Schienen blockiert, um den nahenden Zug aufzuhalten. Sie wurden von der Polizei geräumt und anschließend sechs Stunden in der Gefangenensammelstelle Lüneburg festgehalten. Im März 2004 erhielten sie dann den Bußgeldbescheid über jeweils 150 Euro. Vor dem Amtsgericht Hannover wurde im August 2004 der Betrag zwar um 20 Euro gesenkt, dafür kamen für die beiden Frauen die Gerichtskosten noch einmal obendrauf.

Doch die wollen sie partout nicht zahlen. "Unser angebliches Unrecht steht in keinem Verhältnis zu den Gefahren, die von der Atomenergie ausgehen", begründet die kaufmännische Angestellte Dominique M. ihre Weigerung. "Die Atomtechnologie gefährdet nach wie vor unser Leben", betont die Diplom-Biologin Petra D. und erinnert daran, dass sich die die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl in diesem Jahr zum 20. Mal jährt.

Aber auch nach Tschernobyl seien durch "kleinere" Zwischenfälle immer wieder Menschen verstrahlt worden, "die in der Nähe von Atomanlagen wohnen oder in den Urananbaugebieten leben". Ein unsichtbarer Tod. "Wenn man von radioaktiver Strahlung Punkte im Gesicht bekäme, würde mit dem Thema Atomkraft anders umgegangen werden", ahnt Dominiqie M.

Und weil dem so ist, würden sie sich nicht dazu zwingen lassen, für einen gewaltfreien Widerstand Bußgelder zu zahlen. Petra D, die am vergangenen Wochenende ihren 40. Geburtstag feierte, betont: "Dann gehen wir schon lieber aus politischer Überzeugung in den Knast."

Dominique M. soll vier, Petra D. sechs Tage im Gefängnis an der Holstenglacis verschwinden - trotz identischer Bußgeldbescheide. Die Vollstreckungsabteilung der Staatsanwaltschaft Hannover gibt ihnen drei Wochen Zeit, die Haft anzutreten. So lange wollen sie aber nicht warten. Morgen um 16 Uhr wird sich hinter ihnen das Gefängnistor schließen. Ihre Kulturbeutel haben die Frauen bereits gepackt.

taz Hamburg vom 7.2.2006, S. 22, 89 Z. (TAZ-Bericht), Marco Carini

http://www.taz.de/pt/2006/02/07/a0280.1/text.ges,1

Bearbeitet am:  06.02.2006/ad


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