Stellungsnahme der
Fachruppe Radioaktivität
vom 05.10.2000

Oberflächenkontamination von Transport - und CASTOR - Behältern
Fahrlässige Körperverletzung durch CASTOR - Transporte?

Tießau, 05.10.2000

1. Zur Erinnerung


Im Frühjahr 1998 beunruhigte der Kontaminationsskandal die Öffentlichkeit. In allen Medien
wurde mehr oder weniger korrekt darüber berichtet. Die Bundesumweltministerin, Frau Dr. Merkel, untersagte umge-hend weitere Transporte abgebrannter Brennelemente sowohl in die Wiederaufarbeitungsanlagen nach Frankreich und England als auch in die Zwischenlager Gorleben und Ahaus. Die Verantwortlichen der Atomindustrie beteuerten ihre Unschuld. Techniker, für die Kontaminationen etwas alltägliches sei, hätten die Verantwortlichen nicht informiert.

Kontaminationen seien gegenüber den Aufsichtsbehörden überdies nicht meldepflichtig. Die für derartige Transporte verantwortlichen Beamten der Aufsichtsbehörden des Bundes und der Länder zeigten sich völlig überrascht. Die „unabhängigen und neutralen“ Gutachter (TÜV, Bundesamt für Strahlenschutz, Bundesamt für Materialforschung, Gesellschaft für Reaktorsicherheit, die Strahlenschutzkommission des Bundes, die Reaktorsicherheitskommission) hatten von der grenzwertüber-schreitenden Kontamination - bis zum 2000fachen des gesetzlich festgelegten Grenzwertes - über fast zwei Jahrzehnte nichts gemerkt und zeigten sich völlig überrascht. Angeblich starteten die Transporte von den deutschen AKWs kontaminationsfrei und kamen in Frankreich kontaminiert an. Die o.g. Gutachter behaup-teten, daß Kontaminationen nur bei Transportbehältern auftreten könnten, in denen abgebrannte Brennele-mente in die Wiederaufarbeitungsanlagen gebracht werden, nicht jedoch bei CASTOR - Behältern, die für die Zwischenlager Ahaus und Gorleben bestimmt sind. Die Kunststoffbeschichtung, so die Gutachter, ga-rantieren die sichere Dekontamination an den AKW. Die Strahlenschutzkommission (SSK), Obergutachter in Sachen Strahlenschutz des Bundes, beteuerte gegenüber der erregten Öffentlichkeit und des Begleitper-sonals der Transporte, daß trotz der Grenzüberschreitungen zu keiner Zeit eine Gesundheitsgefahr bestan-den habe.

2. Situation vor Bekanntwerden des Kontaminationsskandals

Wie sich herausstellte, hat die amerikanische Atomaufsichtsbehörde bereits im Jahre 1985 in einem Rund-brief die amerikanischen AKW - Betreiber und Transporteure von hochradioaktivem Material auf das „weeping - Phänomen“ aufmerksam gemacht und zur besonderen Vorsicht gemahnt.

Was ist das „weeping - Phänomen“ ? Abgebrannte Brennelemente werden unter Wasser in sog. Abkling-becken an den AKW gelagert. Nach einigen Jahren ist die Strahlenintensität der Brennelemente so weit abgeklungen, daß diese aus dem Abklingbecken entfernt werden können. Dazu werden Lager- und/oder Transportbehälter unter Wasser im Abklingbecken mit den auszulagernden Brennelementen beladen. Das Beckenwasser enthält je nach Kraftwerk und Zustand der abgebrannten Brennelemente radioaktive Stoffe unterschiedlicher Konzentration. Trotz aller Schutzvorkehrungen läßt es sich nicht verhindern, daß radioak-tives Wasser die Behälteroberfläche benetzt. Der beladene Behälter wird aus dem Becken gehoben.

Das Wasser verdampft. An der Oberfläche der Behälter bleibt feinster radioaktiver Staub (Kontamination) zu-rück. Mit besonderen Reinigungsmitteln wird dieser radioaktive Staub so weit entfernt, bis ein international festgelegter Grenzwert für die maximal zulässige Kontamination unterschritten wird. Man hatte feststellen müssen, daß sich nach einer gewissen Zeit an der Oberfläche der Behälter wieder radioaktiver Staub in einer Konzentration bildet, die den Grenzwert um ein Vielfaches übersteigt. Es mußte sich also fest an der Oberfläche der Behälter haftende Radioaktivität, die nach der Beladung nicht nachweisbar war, in radioak-tiven Staub umgewandelt haben, der sich leicht von der Oberfläche löst. Die Umwandlung von festhaften-der Radioaktivität in nicht fest haftender an der Oberfläche von Behältern wurde „weeping Phänomen“ genannt. Bis heute ist der Vorgang wissenschaftlich nicht aufgeklärt.

Alle Versuche, das „weeping - Phä-nomen“ unter Laborbedingungen künstlich zu erzeugen, schlugen fehl. Die Warnung der amerikanischen Aufsichtsbehörde war notwendig, da der radioaktive Staub, der über die Atmung oder Nahrung in den menschlichen Körper gelangen kann, zu schweren Erkrankungen führt. Es ist davon auszugehen, daß die Warnung von 1985 der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde über die Interna-tionale Atomenergiebehörde (IAEA) an alle Mitgliedsstaaten der UN weitergeleitet wurde. Ab diesem Zeit-punkt waren also die Atomindustrie, die deutschen Aufsichtsbehörden von Bund und den Ländern über die Grenzwert überschreitenden Kontaminationen informiert. Laut Gutachten der Gesellschaft für Reaktorsi-cherheit wurden grenzwertüberschreitende Kontaminationen bereits 1981 bei Transporten von Biblis in die Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague registriert.

Spätestens 1992 mußten die führenden Fachleute für Transporte hochradioaktiven Abfalls z.B. von Bund, Ländern, Atomwirtschaft, TÜV, Gesellschaft für Reaktorsicherheit, Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Bundesamt für Materialforschung (BAM), Reaktorsicherheitskommission (RSK), Strahlenschutzkommis-sion (SSK) u.s.w. informiert sein. In diesem Jahr fand nämlich eine von der IAEA organisierte, internatio-nale Konferenz (PATRAM) statt, auf der die Amerikaner ausführlich über die Ergebnisse ihrer Untersu-chungen zum „weeping Effekt“ berichteten. An einer derartigen Konferenz nehmen Fachleute aus aller Welt teil.

Die Amerikaner berichteten u.a., daß sie an CASTOR - Behältern die höchsten Kontaminations-werte festgestellt hatten. Sie führten das auf die Kunststoffbeschichtung der Oberfläche zurück. Daraus ergibt sich das Ergebnis, daß alle deutschen Fachleute, die angeblich vor dem Kontaminationsskan-dal keine Kenntnis hatten, gegenüber der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit sagten. Auch ihre Behauptung, daß die CASTOR - Behälter, die nach Ahaus und Gorleben transportiert wurden, wegen der Kunststoffbe-schichtung nicht vom „weeping Phänomen“ betroffen sein könnten, ist nachweislich unrichtig. An drei der sechs nach Ahaus transportierten Behälter wurden Grenzwert überschreitende Kontaminationen bei Nachmessungen festgestellt. Nach offiziellen Angaben traten keine Grenzwertverletzungen beim letzten Transport nach Gorleben auf. Der Landkreis Lüchow - Dannenberg und die Stadt Dannenberg haben die Deutsche Bahn AG mehrfach aufgefordert, die Meßergebnisse an den Waggons bekannt zu geben. Diese Meßergebnisse sind wesentlich aufschlußreicher als es die Messungen an den CASTOR - Oberflächen sein können.

Denn aus Gründen des Strahlenschutzes, - Strahlenbelastung durch die CASTOR - Strahlung -, werden weniger als 1% der Oberfläche eines CASTOR vermessen. Erfahrungsgemäß lösen sich während des Transportes radioaktive Staubteilchen von der CASTOR - Oberfläche und fallen teilweise auf den Bo-den der Waggons. Die Kontamination der Waggons ist in der Regel um ein bis zwei Größenordnungen höher als an der Oberfläche der CASTOR - Behälter. Außerdem sind nach Entladen der CASTOR - Behäl-ter umfangreiche Messungen an Waggon und Abdeckhaube ohne Gefahr für die Strahlenschutztechniker möglich.

Doch die Deutsche Bahn AG verweigerte die Bekanntgabe der Ergebnisse unter dem Vorwand, daß die Daten dem Datenschutz unterliegen würden. Damit bleibt das wahre Ausmaß der Kontaminationen der CASTOR - Transporte nach Ahaus und Gorleben weiterhin ungeklärt.

3. Informationen aus Frankreich lösten den Kontaminationsskandal aus.

Wie bereits dargelegt, ist davon auszugehen, daß alle staatlichen und industriellen Institutionen, die für die Transporte abgebrannter Brennelemente mehr oder weniger Verantwortung tragen, von dem „weeping Phänomen“ wußten. Warum bedurfte es dann der Informationen aus Frankreich, um den Kontaminations-skandal in Deutschland auszulösen?

CASTOR - Transporte sind für den Betrieb von Atomkraftwerken wegen begrenzter Lagerkapazität unab-dingbar. Also einigten sich Behörden und Atomindustrie auf Prüfvorschriften für die Transporte, die die Gewähr boten, daß in Deutschland das „weeping Phänomen“ nicht erfaßt werden konnte. Man vertraute darauf, daß Informationen aus Frankreich nicht in die Öffentlichkeit gelangen. In Frankreich wurden alle die Atomindustrie betreffenden Angelegenheiten als Staatsgeheimnis behandelt. Von 1981 bis 1998 war das Vertrauen in die Verschwiegenheit französischer Quellen auch gerechtfertigt. Die deutschen Prüfvorschriften sehen vor, daß gleich nach der Beladung der Behälter mit abgebrannten Brennelementen deren Oberfläche an 18 Stellen auf Kontamination überprüft werden. Die überwachte Oberfläche stellt dabei weniger als 1% der gesamten Oberfläche dar. Nachdem die Oberflächen solange gereinigt wurden, bis die Grenzwerte an den vorgegebenen Stellen eingehalten wurden, stand der Behälter über Tage, Wochen, auch Monate bis zum Transport auf dem Kraftwerksgelände. Die Prüfvorschriften sahen keine Kontrollmessungen während der Standzeit oder kurz vor dem Transport vor.

Folgerichtig behaupteten die Verantwortlichen, daß die Transporte aus Deutschland „kontaminationsfrei“ starteten und kontaminiert in Frankreich ankamen. Kon-tamination, die nicht gemessen wird, ist auch nicht vorhanden, so wurde von Atomindustrie und Behörden gegenüber der Öffentlichkeit argumentiert. Für CASTOR - Transporte einigten sich die Gesellschaft für Nuklearsevice (GNS), BfS, BAM und TÜV auf eine ähnliche Prüfvorschrift. Bei Ankunft der Behälter in den Zwischenlagern Ahaus bzw. Gorleben waren Kontrollmessungen nur an vier Stellen vorgesehen, wobei an zwei Stellen (Sekundärdeckel- und Bodenmitte), ohnehin keine Kontaminationen zu erwarten sind.

Die Prüfvorschrift wurde zum Firmenge-heimnis erklärt und war nur den Atomaufsichtsbehörden der Länder und den o.g. Institutionen bekannt. Nach den heutigen Erkenntnissen ist davon auszugehen, daß zwischen Atomindustrie und Behörden Prüf-vorschriften gezielt vereinbart wurden, die die Registrierung von Kontaminationen in Deutschland unmög-lich bzw. unwahrscheinlich machten. Ohne die Informationen aus Frankreich hätte es in Deutschland keinen Kontaminationsskandal gegeben.

4 Gesundheitsgefährdung durch radioaktiven Staub

Als im April 1998 der Kontaminationsskandal in der Öffentlichkeit bekannt wurde, stellte sich heraus, daß die Atomindustrie mit Billigung und Genehmigung der Behörden unter den Augen „unabhängiger“ Gutach-ter über fast zwei Jahrzehnte massiv gegen international geltendes Strahlenschutzrecht verstoßen hat. Zur Beweissicherung war die Beschlagnahme der Waggons und der Abdeckhauben der Transportbehälter dringend angezeigt.

Nur die Bestimmung und Analyse des radioaktivem Staubes an der Innenseite der Abdeck-hauben hätten es ermöglicht, das Ausmaß der Gesundheitsgefährdung für Bevölkerung, Bahn- und Begleit-personal realistisch abzuschätzen und nachzuweisen. Doch wer nun glaubte, daß die Staatsanwaltschaften wegen des dringenden Tatverdachts des Mißbrauchs ionisierender Strahlung (§311a StGB) Ermittlungen aufnähmen, sah sich getäuscht. So konnten die Täter in aller Ruhe alle Spuren durch Dekontamination vernichten. Damit war der Weg frei, mit „wissenschaftlichen“ Gutachten unter spekulativen Annahmen nachzuweisen, daß selbst Grenzwertverletzungen bis um das 2000fache „keine Gesundheitsgefährdung“ darstellen.

Den Anfang machte die Strahlenschutz - Kommission (SSK), die, von der Bundesregierung als Berater-gremium berufen, für sich die höchste Sachkompetenz in Sachen Strahlenschutz beansprucht. Am 3.6.1998 verkündete sie der Öffentlichkeit:

"1. Die Kontaminationen, die bei diesen Transporten festgestellt wurden, verursachen keine Erhöhung der Strahlenbelastung für die Bevölkerung und damit auch keine Gesundheitsgefährdung.

2. Diese Kontaminationen stellen ebenso keine Erhöhung der Strahlenbelastung für das Begleitpersonal der Transporte dar, eine Gesundheitgefährdung ist damit ausgeschlossen.“

Die GRS, der TÜV Süddeutschland und der von der Staatsanwaltschaft Hanau beauftragte Gutachter Prof. Dr. Schwarzer von der Kernforschungsanlage Jülich kommen zum gleichen Ergebnis. All diesen Gutachten ist gemeinsam, daß ganz offensichtlich das zu erzielende Resultat bereits vorgegeben war. Die „wissenschaftliche Kunst“ bestand darin, Ausgangssituationen und Szenarien zu entwickeln, die zum gewünschten Ergebnis führen. So gehen die Gutachter z.B. nicht von den tatsächlich gefundenen und analysierten radioaktiven Staubteilchen aus.

Offensichtlich hat auch keiner der Gutachter Erfahrung als Bahnkunde. Jeder, der an einem Bahnsteig wartend, einen vorbeifahrenden Zug oder Zugbegegnungen er-lebte, kennt die Druck- und Sogwellen der Luft, die dabei entstehen. Nicht nur die Konvektionsströmung der Luft, die durch die Schlitze der CASTOR - Abdeckung zur Kühlung des CASTOR strömt, sondern auch die Sog- und Druckwellen können den radioaktiven Staub nach außen befördern.

Geradezu abenteuer-lich sind die Annahmen der Gutachter bei der Berechnung der Wahrscheinlichkeit, daß eine Person von einem radioaktiven Staubteilchen getroffen wird.

Sie gehen von der mittleren Bevölkerungsdichte in der Bundesrepublik und nicht von der Bevölkerungsdichte an den Transportstrecken aus. Die Ansammlung von Personen an Bahnhöfen bleibt unberücksichtigt. Die geschilderten Beispiele ließen sich mehrfach ergän-zen. Sie belegen, daß es den Gutachtern darum ging, Gefährdung von Bevölkerung und Begleitpersonal durch beförderte, hoch kontaminierte Transportbehälter wegzurechnen. Eine Ausnahme bildet das Gutach-ten des Öko - Instituts, das die Strahlenbelastung durch ein detektiertes und analysiertes Staubteilchen berechnet hat.

Die wichtigsten Bewertungen des Öko - Institutes Bewertung der potentiellen Strahlenexposition nicht beruflich strahlenexponierter Personen (insbesondere bei der Bahn)

  • ·    Eine Effektive Äquivalentdosis von 10 mSv wird im Szenario mit Verschlucken des Referenzparti-kels um etwa das 60fache überschritten. Dies zeigt, daß die potentielle Strahlenexposition nicht geringfügig im Sinne des 10 mSv - Konzepts ist.
  • ·    Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach § 45 StrlSchV wird im Szenario Verschlu-cken des Referenzpartikels um etwa einen Faktor 2 überschritten. Die Dosis ist also höher, als sie für Personen außerhalb der Strahlenschutzbereiche kerntechnischer Anlagen sein darf.
  • ·        Der Grenzwert der Hautdosis nach § 45 StrlSchV wird nach Hautkontakt über 4 Stunden bereits um den Faktor 170 überschritten, bei Hautkontakt über einen Tag um etwa 1000. Dies zeigt, daß auch Partikel mit 0,1% der Aktivität des Referenzpartikels bei Kontamination der Haut bereits zu Strahlenexpositionen führen können, die den Grenzwert für die Haut nach § 45 StrlSchV überschreiten.
  • ·    Der Grenzwert des § 45 StrlSchV für die Lungendosis wird in den untersuchten Szenarien nicht überschritten.
  • ·    Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom wird in keinem der Szenarien überschritten.
  • ·    Bei den Szenarien mit Hautkontamination wird der Grenzwert nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom um etwa einen Faktor 6 (Entfernung von der Haut nach 4 Stunden) bis 37 (Entfernung von der Haut nach einem Tag) überschritten.

Insgesamt ergibt sich daher, daß für die Gruppe der Beschäftigten insbesondere bei der Bahn, die nicht beruflich strahlenexponierte Personen sind, Überschreitungen von Grenzwerten des § 45 StrlSchV und auch der Richtlinie 96/29/Euratom um bis zu einem Faktor 37 möglich sind.

Die größten potentiellen Strahlenexpositionen ergeben sich bei Hautkontakten mit radioaktiven Partikeln. Es wurde in den Szena-rien von einem Hautkontakt bis zu einem Tag ausgegangen. Je nachdem wann, insbesondere durch Kör-perpflege, die Kontamination beseitigt wird, kann die Strahlung auch länger einwirken. Pro Tag Verzö-gerung bis zur Reinigung kommt es zu einer zusätzlichen Hautdosis von 1835 mSv, was dem 37fachen des Grenzwerts der Richtlinie 96/29/Euratom entspricht. Bewertung der potentiellen Strahlenexposition erwachsener Personen der allgemeinen Bevölkerung Bedingt durch die Auswahl der Szenarien ergeben sich für erwachsene Personen der allgemeinen Bevöl-kerung die gleichen potentiellen Strahlenexpositionen wie für die Beschäftigten der Bahn. Bewertung der potentiellen Strahlenexposition von Kleinkindern der allgemeinen Bevölkerung

*    Eine Effektive Äquivalentdosis von 10 mSv wird im Ingestionszenario um etwa das 670fache über-schritten. Die potentiellen Strahlenexpositionen sind deutlich höher als bei erwachsenen Perso-nen. Die potentiellen Strahlenexpositionen sind demnach nicht geringfügig im Sinne des 10 mSv -Konzepts.

*    Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach § 45 StrlSchV wird im Ingestionsszenario etwa um den Faktor 22 überschritten. Die ermittelten potentiellen Dosen sind also höher, als sie für Personen außerhalb der Strahlenschutzbereiche kerntechnischer Anlagen zugelassen sind.

*    Die Hautdosis beim Kleinkind ist die gleiche wie bei Erwachsenen. Die Grenzwerte der Hautdosis nach § 45 StrlSchV sind beim Anhaften des Partikels über 4 Stunden etwa um den Faktor 170 ü-berschritten und im Szenario mit Anhaften des Partikels über 1 Tag etwa um den Faktor 1000.

*    Der Grenzwert des § 45 StrlSchV für die Lungendosis wird nicht überschritten.

*    Der Grenzwert für die Dosis des roten Knochenmarks nach § 45 StrlSchV wird beim Ingestionss-zenario etwa um den Faktor 29 überschritten.

Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom wird im Ingestionsszenario etwa um den Faktor 6,8 überschritten. Bei den Szenarien mit Hautkontamination wird der Grenzwert nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom um etwa einen Faktor 6 (Entfernung von der Haut nach 4 Stunden) bis 37 (Entfernung von der Haut nach einem Tag) überschritten.

Insgesamt ergibt sich daher, daß die untersuchte Personengruppe der Kleinkinder den größten Expositi-onen ausgesetzt sein kann. Gegenüber Erwachsenen ergeben sich höhere Dosen bei Inhalation und In-gestion. Wie bereits bei den erwachsenen Personen ausgeführt, stellt die Entfernung des radioaktiven Partikels von der Haut nach einem Tag keine konservative Randbedingung dar, so daß auch höhere Ex-positionen der Haut prinzipiell möglich sind.

Doch auch die Berechnungen des Öko - Instituts können nicht als abdeckend angesehen werden. Es wurde zur Berechnung der Strahlenbelastung ein Staubteilchen herangezogen, das nur Radioaktivität enthielt, die durch Aktivierung im Reaktor entsteht. Berücksichtigt wurden nur Radionuklide, die durch Gammastrah-lung identifiziert werden konnten. Reine Beta - Strahler blieben unberücksichtigt. Bei undichten Brennele-menten können auch Spaltprodukte sowie Transurane (Alpha - Strahler) auftreten. Auch die angenommene Aktivität ( ca. 100fache des Grenzwertes) zur Berechnung der radiologischen Belastung entspricht nicht den höchsten gefundenen Werten ( ca. 2000fache des Grenzwertes). Anzumerken ist, daß auch dann, wenn die internationalen Grenzwerte für Kontamination eingehalten wer-den, keineswegs von einer Gefahrlosigkeit ausgegangen werden kann.

Die o.g. Berechnungen des Öko - Instituts gehen von einem „heißen Teilchen“ von 100 000 Bq aus. Der Grenzwert erlaubt ein Teilchen von 1200 Bq. Die vom Öko - Istitut angegebenen radiologischen Auswirkungen würden sich dabei um knapp den Faktor 100 verringern. Da niemand wirklich an einer Aufklärung des Gefährdungspotentials interessiert war, gibt es keine hinrei-chende Datenbasis, die eine realistische Abschätzung ermöglicht. Nach Angaben der GRS wurden zwischen 1973 und 1996 ca. 1600 Behälter in die Wiederaufarbeitungsan-lagen in Frankreich und England transportiert. Sie wurden entweder über die Bahnstrecke Ludwigshafen - Saarbrücken oder Koblenz - Trier geleitet.

5. Werden bei künftigen Transporten die Grenzwerte für die Kontamination

eingehalten? Das BfS hat sowohl für CASTOR - Transporte in die Zwischenlager nach Ahaus und Gorleben als auch Transporte abgebrannter Brennelemente nach La Hague genehmigt. Wie das BfS versicherte, sind die Ge-nehmigungen an „hohe Sicherheitsauflagen“ gebunden. Die Atomindustrie braucht die Transporte drin-gend. Die Lagerkapazitäten z.B. in Stade und Philippsburg sind erschöpft. Es droht die Stillegung der A-tommeiler. Die Bundesregierung hat den Atomkraftbetreibern zugesichert, daß es keine „Verstopfungsstrategie“ geben wird. Fest steht, daß das Kontaminationsproblem weder wissenschaftlich noch technisch gelöst ist.

So hat Frank-reich bereits 1998 die Transporte nach La Hague unter „hohen Sicherheitsauflagen“ und erhöhten Me-ßaufwand wieder aufgenommen. Über die Erfahrungen im Zeitraum von Juli 1998 bis März 1999 wurde in einer Fachzeitschrift berichtet. Danach wurden an zehn Transporten grenzwertüberschreitende Kontamina-tionen festgestellt. Eine Überschreitung des Grenzwertes um das 250fache (1036 Bq/qcm) wurde an dem Transport am 23.02.1999 vom AKW Bugey gemessen. Alle Bemühungen und Maßnahmen, die Kontami-nationen auf den international festgelegten Grenzwert zu beschränken, sind bisher fehlgeschlagen. Das Märchen von der radiologischen Unbedenklichkeit Grenzwert überschreitender Kontaminationen mußte erfunden werden, um den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke zu ermöglichen und die Straffreiheit der A-tomkraftbetreiber und Behörden zu gewährleisten.

Die Regierung hat sich offensichtlich dafür entschieden, die mit den Transporten verbundenen „Kollateralschäden“ bei der betroffenen Bevölkerung und Begleitper-sonal auch zukünftig hinzunehmen.

Udo Jentzsch, Tießau

Bearbeitet am: 06.10.2000/ad


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